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  • Der Grabhügel - Ein Märchen der Brüder Grimm Brüder Grimm

    Der Grabhügel

    Ein reicher Bauer stand eines Tages in seinem Hof und schaute nach seinen Feldern und Gärten: das Korn wuchs kräftig heran und die Obstbäume hingen voll Früchte. Das Getreide des vorigen Jahrs lag noch in so mächtigen Haufen auf dem Boden, daß es kaum die Balken tragen konnten. Dann ging er in den Stall, da standen die gemästeten Ochsen, die fetten Kühe und die spiegelglatten Pferde. Endlich ging er in seine Stube zurück und warf seine Blicke auf die eisernen Kasten, in welchen sein Geld lag. Als er so stand und seinen Reichtum übersah, klopfte es auf einmal heftig bei ihm an. Es klopfte aber nicht an die Türe seiner Stube, sondern an die Türe seines Herzens. Sie tat sich auf und er hörte eine Stimme, die zu ihm sprach 'hast du den Deinigen damit wohlgetan? hast du die Not der Armen angesehen? hast du mit den Hungrigen dein Brot geteilt? war dir genug, was du besaßest, oder hast du noch immer mehr verlangt?' Das Herz zögerte nicht mit der Antwort 'ich bin hart und unerbittlich gewesen und habe den Meinigen niemals etwas Gutes erzeigt. Ist ein Armer gekommen, so habe ich mein Auge weggewendet. Ich habe mich um Gott nicht bekümmert, sondern nur an die Mehrung meines Reichtums gedacht. Wäre alles mein eigen gewesen, was der Himmel bedeckte, dennoch hätte ich nicht genug gehabt.' Als er diese Antwort vernahm, erschrak er heftig: die Knie fingen an ihm zu zittern und er mußte sich niedersetzen. Da klopfte es abermals an, aber es klopfte an die Türe seiner Stube. Es war sein Nachbar, ein armer Mann, der ein Häufchen Kinder hatte, die er nicht mehr sättigen konnte. 'Ich weiß,' dachte der Arme, 'mein Nachbar ist reich, aber er ist ebenso hart: ich glaube nicht, daß er mir hilft, aber meine Kinder schreien nach Brot, da will ich es wagen.' Er sprach zu dem Reichen 'Ihr gebt nicht leicht etwas von dem Eurigen weg, aber ich stehe da wie einer, dem das Wasser bis an den Kopf geht: meine Kinder hungern , leiht mir vier Malter Korn.' Der Reiche sah ihn lange an, da begann der erste Sonnenstrahl der Milde einen Tropfen von dem Eis der Habsucht abzuschmelzen. 'Vier Malter will ich dir nicht leihen,' antwortete er, 'sondern achte will ich dir schenken, aber eine Bedingung mußt du erfüllen.' 'Was soll ich tun?, sprach der Arme. 'Wenn ich tot bin, sollst du drei Nächte an meinem Grabe wachen.' Dem Bauer ward bei dem Antrag unheimlich zumut, doch in der Not, in der er sich befand, hätte er alles bewilligt: er sagte also zu und trug das Korn heim.

    Es war, als hätte der Reiche vorausgesehen, was geschehen würde, nach drei Tagen fiel er plötzlich tot zur Erde; man wußte nicht recht, wie es zugegangen war, aber niemand trauerte um ihn. Als er bestattet war, fiel dem Armen sein Versprechen ein: gerne wäre er davon entbunden gewesen, aber er dachte 'er hat sich gegen dich doch mildtätig erwiesen, du hast mit seinem Korn deine hungrigen Kinder gesättigt, und wäre das auch nicht, du hast einmal das Versprechen gegeben und mußt du es halten.' Bei einbrechender Nacht ging er auf den Kirchhof und setzte sich auf den Grabhügel. Es war alles still, nur der Mond schien über die Grabhügel, und manchmal flog eine Eule vorbei und ließ ihre kläglichen Töne hören. Als die Sonne aufging, begab sich der Arme ungefährdet heim, und ebenso ging die zweite Nacht ruhig vorüber. Den Abend des dritten Tags empfand er eine besondere Angst, es war ihm, als stände noch etwas bevor. Als er hinauskam, erblickte er an der Mauer des Kirchhofs einen Mann, den er noch nie gesehen hatte. Er war nicht mehr jung, hatte Narben im Gesicht, und seine Augen blickten scharf und feurig umher. Er war ganz von einem alten Mantel bedeckt, und nur große Reiterstiefeln waren sichtbar. 'Was sucht Ihr hier?' redete ihn der Bauer an, 'gruselt Euch nicht auf dem einsamen Kirchhof?, 'Ich suche nichts,' antwortete er, 'aber ich fürchte auch nichts. Ich bin wie der Junge, der ausging, das Gruseln zu lernen, und sich vergeblich bemühte, der aber bekam die Königstochter zur Frau und mit ihr große Reichtümer, und ich bin immer arm geblieben. Ich bin nichts als ein abgedankter Soldat und will hier die Nacht zubringen, weil ich sonst kein Obdach habe.' 'Wenn Ihr keine Furcht habt,' sprach der Bauer, 'so bleibt bei mir und helft mir dort den Grabhügel bewachen.' 'Wacht halten ist Sache des Soldaten,' antwortete er, 'was uns hier begegnet, Gutes oder Böses, das wollen wir gemeinsc haftlich tragen.' Der Bauer schlug ein, und sie setzten sich zusammen auf das Grab.

    Alles blieb still bis Mitternacht, da ertönte auf einmal ein schneidendes Pfeifen in der Luft, und die beiden Wächter erblickten den Bösen, der leibhaftig vor ihnen stand. 'Fort, ihr Halunken,' rief er ihnen zu, 'der in dem Grab liegt, ist mein: ich will ihn holen, und wo ihr nicht weggeht, dreh ich euch die Hälse um.' 'Herr mit der roten Feder,' sprach der Soldat, 'Ihr seid mein Hauptmann nicht, ich brauch Euch nicht zu gehorchen, und das Fürchten hab ich noch nicht gelernt. Geht Eurer Wege, wir bleiben hier sitzen.' Der Teufel dachte 'mit Gold fängst du die zwei Haderlumpen am besten,' zog gelindere Saiten auf und fragte ganz zutraulich, ob sie nicht einen Beutel mit Gold annehmen und damit heimgehen wollten. 'Das läßt sich hören,' antwortete der Soldat, 'aber mit einem Beutel voll Gold ist uns nicht gedient: wenn Ihr so viel Gold geben wollt, als da in einen von meinen Stiefeln geht, so wollen wir Euch das Feld räumen und abziehen.' 'So viel habe ich nicht bei mir,' sagte der Teufel, 'aber ich will es holen: in der benachbarten Stadt wohnt ein Wechsler, der mein guter Freund ist, der streckt mir gerne so viel vor.' Als der Teufel verschwunden war, zog der Soldat seinen linken Stiefel aus und sprach 'dem Kohlenbrenner wollen wir schon eine Nase drehen: gebt mir nur Euer Messer, Gevatter.' Er schnitt von dem Stiefel die Sohle ab und stellte ihn neben den Hügel in das hohe Gras an den Rand einer halb überwachsenen Grube. 'So ist alles gut' sprach er, 'nun kann der Schornsteinfeger kommen.'

    Beide setzten sich und warteten, es dauerte nicht lange, so kam der Teufel und hatte ein Säckchen Gold in der Hand. 'Schüttet es nur hinein,' sprach der Soldat und hob den Stiefel ein wenig in die Höhe, 'das wird aber nicht genug sein.' Der Schwarze leerte das Säckchen, das Gold fiel durch und der Stiefel blieb leer. 'Dummer Teufel,' rief der Soldat, 'es schickt nicht: habe ich es nicht gleich gesagt? kehrt nur wieder um und holt mehr.' Der Teufel schüttelte den Kopf, ging und kam nach einer Stunde mit einem viel größeren Sack unter dem Arm. 'Nur eingefüllt,' rief der Soldat, 'aber ich zweifle, daß der Stiefel voll wird.' Das Gold klingelte, als es hinabfiel, und der Stiefel blieb leer. Der Teufel blickte mit seinen glühenden Augen selbst hinein und überzeugte sich von der Wahrheit. 'Ihr habt unverschämt starke Waden,' rief er und verzog den Mund. 'Meint Ihr,' erwiderte der Soldat, 'ich hätte einen Pferdefuß wie Ihr? seit wann seid Ihr so knauserig? macht, daß Ihr mehr Gold herbeischafft, sonst wird aus unserm Handel nichts.' Der Unhold trollte sich abermals fort. Diesmal blieb er länger aus, und als er endlich erschien, keuchte er unter der Last eines Sackes, der auf seiner Schulter lag. Er schüttete ihn in den Stiefel, der sich aber so wenig füllte als vorher. Er ward wütend und wollte dem Soldat den Stiefel aus der Hand reißen, aber in dem Augenblick drang der erste Strahl der aufgehenden Sonne am Himmel herauf, und der böse Geist entfloh mit lautem Geschrei. Die arme Seele war gerettet.

    Der Bauer wollte das Gold teilen, aber der Soldat sprach 'gib den Armen, was mir zufällt: ich ziehe zu dir in deine Hütte, und wir wollen mit dem übrigen in Ruhe und Frieden zusammen leben, solange es Gott gefällt.

  • Ab und zu einmal lächeln

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    Es war einmal ein kleines Lächeln, das machte sich auf den Weg, um zu sehen, ob es nicht jemanden fände, wo es wohnen könnte. Es traf ein kleines Augenzwinkern, das auch nicht viel größer war. Sofort fühlten sich die zwei zueinander hingezogen. Sie gaben sich die Hand und zogen gemeinsam weiter. Sie waren noch nicht sehr weit gegangen, da trafen sie zwei kleine Lachfältchen. Die fragten, wohin der Weg ginge, und gingen mit. Da kamen sie in einen großen Wald, und unter einem Baum sahen die vier Freunde eine alte Frau sitzen, die allein war und sehr traurig aussah.

    Die vier verständigten sich kurz und guckten dann, ob die alte Frau noch Platz für sie hätte. Heimlich und lautlos versteckten sich die zwei Lachfältchen und das Augenzwinkern unter den Augen, und das Lächeln krabbelte in die Mundwinkel.

    Da kitzelte es die alte Frau, sie stand auf und merkte plötzlich, daß sie nicht mehr so traurig war, und sie ging hinaus aus dem Wald auf eine große Wiese, wo es hell und warm war.

    Dem ersten Menschen, den sie traf, schenkte sie befreit ein kleines, kitzekleines Lächeln, zwinkerte dabei mit den Augen, und die Lachfältchen fühlten sich richtig wohl. (Steven Häusinger)

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    Ich wünsche Euch Allen ein Lächeln, verbunden mit einem Zwinkern und daß sich die Lachfältchen bei Euch richtig wohl fühlen.
    Liebe Grüße Traudl :wave:

  • Das Totenhemdchen

    Es hatte eine Mutter ein Kindlein von sieben Jahren, das war so schön und lieblich, dass es niemand ansehen konnte, ohne mit ihm gut zu sein, und sie hatte es auch lieber als alles auf der Welt. Nun geschah es, dass es plötzlich krank ward, und der liebe Gott es zu sich nahm; darüber konnte sich die Mutter nicht trösten und weinte Tag und Nacht. Bald darauf aber, nachdem es begraben war, zeigte sich das Kind nachts an den Plätzen, wo es sonst im Leben gesessen und gespielt hatte; weinte die Mutter, so weinte es auch, und wenn der Morgen kam, war es verschwunden. Als aber die Mutter gar nicht aufhören wollte zu weinen, kam es in einer Nacht mit seinem weissen Totenhemdchen, in welchem es in den Sarg gelegt war, und mit dem Kränzchen auf dem Kopf, setzte sich zu ihren Füssen auf das Bett und sprach 'ach Mutter, höre doch auf zu weinen, sonst kann ich in meinem Sarge nicht einschlafen, denn mein Totenhemdchen wird nicht trocken von deinen Tränen, die alle darauf fallen.' Da erschrak die Mutter, als sie das hörte, und weinte nicht mehr. Und in der andern Nacht kam das Kindchen wieder, hielt in der Hand ein Lichtchen und sagte 'siehst du, nun ist mein Hemdchen bald trocken, und ich habe Ruhe in meinem Grab.' Da befahl die Mutter dem lieben Gott ihr Leid und ertrug es still und geduldig, und das Kind kam nicht wieder, sondern schlief in seinem unterirdischen Bettchen.

  • Erinnerungen!

    Eine Bank-Geschichte!

    Das tut man ja eigentlich nicht – anderer Leute Gespräche belauschen.
    Aber vor ein paar Jahren habe ich es getan und ich schäme mich kein bisschen dafür.
    Es treibt mir heute noch ein Schmunzeln ins Gesicht.

    Ich möchte Euch von dem belauschten Gespräch erzählen…

    Auf einer Bank sitzen drei alte Damen. Zwei noch recht rüstig, aber die eine schon stark vom Alter gezeichnet. Ich sitze auf einer Nebenbank und kann das Gespräch gut verfolgen. Es wird, wie soll es auch sein, über Krankheiten geredet. Die Darstellungen der Wehwehchen sind so ausführlich, dass ich sie körperlich spüren kann.

    Etwas später gesellt sich noch ein älterer Herr dazu. Er erzählt den Dreien Geschichten aus seinem Leben. Der alte Mann bringt nicht nur die drei alten Damen zum lachen. Er fühlt sich wie der Hahn im Korb und wird mutig. Der Gute gibt einen etwas frivolen Witz zum Besten.

    > Oma und Opa sitzen vor dem Fernseher. Oma möchte sich eine Kochsendung ansehen. Opa ist gelangweilt und fragt: "Warum schaust Du Dir die Sendung an, du kannst doch gar nicht kochen?" Oma ist nicht auf den Mund gefallen und fragt: "Und warum schaust du dir Pornofilme an?" <

    Es folgt großes Gelächter. Bevor ich meinen Lauschposten aufgebe, höre ich noch wie sich die Vier für den nächsten Tag zum Kaffeetrinken verabreden.

    Ich habe die alten Leutchen nie wieder getroffen, aber vermutlich haben sie noch viele schöne Stunden miteinander verbracht.

    Copyright L. Wilde

    Ich wünsche Euch allen ein schönes Wochenende!

    Lieben Gruß,
    Lilo

  • Die Legende von den drei grünen Zweigen (n. Gebr. Grimm)


    Es war einmal ein Einsiedler, der lebte in einem Walde an dem Fusse eines Berges und brachte seine Zeit in Gebet und guten Werken zu, und jeden Abend trug er noch zur Ehre Gottes ein paar Eimer Wasser den Berg hinauf. Manches Tier wurde damit getränkt und manche Pflanze damit erquickt, denn auf den Anhöhen weht beständig ein harter Wind, der die Luft und die Erde austrocknet. Und weil der Einsiedler so fromm war, so ging ein Engel Gottes, seinen Augen sichtbar, mit ihm hinauf, zählte seine Schritte und brachte ihm, wenn die Arbeit vollendet war, sein Essen, so wie jener Prophet auf Gottes Geheiss von den Raben gespeiset ward.

    Als der Einsiedler in seiner Frömmigkeit schon zu einem hohen Alter gekommen war, da trug es sich zu, dass er einmal von weitem sah, wie man einen armen Sünder zum Galgen führte. Er sprach so vor sich hin 'jetzt widerfährt diesem sein Recht.' Abends, als er das Wasser den Berg hinauftrug, erschien der Engel nicht, der ihn sonst begleitete, und brachte ihm auch nicht seine Speise. Da erschrak er, prüfte sein Herz und bedachte, womit er wohl könnte gesündigt haben, weil Gott also zürne, aber er wusste es nicht. Da ass und trank er nicht, warf sich nieder auf die Erde und betete Tag und Nacht. Und als er einmal in dem Walde so recht bitterlich weinte, hörte er ein Vöglein, das sang so schön und herrlich; da ward er noch betrübter und sprach 'wie singst du so fröhlich! dir zürnt der Herr nicht: ach, wenn du mir sagen könntest, womit ich ihn beleidigt habe, damit ich Buße täte und mein Herz auch wieder fröhlich würde!' Da fing das Vöglein an zu sprechen und sagte 'du hast unrecht getan, weil du einen armen Sünder verdammt hast, der zum Galgen geführt wurde, darum zürnt dir der Herr; er allein hält Gericht. Doch wenn du Buße tun und deine Sünde bereuen willst, so wird er dir verzeihen.'

    Da stand der Engel neben ihm und hatte einen trockenen Ast in der Hand und sprach 'diesen trockenen Ast sollst du so lange tragen, bis drei grüne Zweige aus ihm hervorspriessen, aber nachts, wenn du schlafen willst, sollst du ihn unter dein Haupt legen. Dein Brot sollst du dir an den Türen erbitten und in demselben Hause nicht länger als eine Nacht verweilen. Das ist die Buße, die dir der Herr auflegt.'

    Da nahm der Einsiedler das Stück Holz und ging in die Welt zurück, die er so lange nicht gesehen hatte. Er ass und trank nichts, als was man ihm an den Türen reichte; manche Bitte aber ward nicht gehört, und manche Türe blieb ihm verschlossen, also dass er oft ganze Tage lang keinen Krumen Brot bekam. Einmal war er vom Morgen bis Abend von Türe zu Türe gegangen, niemand hatte ihm etwas gegeben, niemand wollte ihn die Nacht beherbergen, da ging er hinaus in einen Wald und fand endlich eine angebaute Höhle, und eine alte Frau sass darin. 


    Da sprach er 'gute Frau, behaltet mich diese Nacht in Euerm Hause.' Aber sie antwortete 'nein, ich darf nicht, wenn ich auch wollte. Ich habe drei Söhne, die sind bös und wild, wenn sie von ihrem Raubzug heim kommen und finden Euch, so würden sie uns beide umbringen.' Da sprach der Einsiedler 'lasst mich nur bleiben, sie werden Euch und mir nichts tun,' und die Frau war mitleidig und liess sich bewegen. Da legte sich der Mann unter die Treppe und das Stück Holz unter seinen Kopf. Wie die Alte das sah, fragte sie nach der Ursache, da erzählte er ihr, dass er es zur Buße mit sich herumtrage und nachts zu einem Kissen brauche. Er habe den Herrn beleidigt, denn als er einen armen Sünder auf dem Gang nach dem Gericht gesehen, habe er gesagt, diesem widerfahre sein Recht. Da fing die Frau an zu weinen und rief 'ach, wenn der Herr ein einziges Wort also bestraft, wie wird es meinen Söhnen ergehen, wenn sie vor ihm im Gericht erscheinen.'

    Um Mitternacht kamen die Räuber heim, lärmten und tobten. Sie zündeten ein Feuer an, und als das die Höhle erleuchtete und sie einen Mann unter der Treppe liegen sahen, gerieten sie in Zorn und schrien ihre Mutter an 'wer ist der Mann? haben wirs nicht verboten, irgend jemand aufzunehmen?' Da sprach die Mutter 'lasst ihn, es ist ein armer Sünder, der seine Schuld büsst.' Die Räuber fragten 'was hat er getan? Alter,' riefen sie, erzähl uns deine Sünden.' Der Alte erhob sich und sagte ihnen, wie er mit einem einzigen Wort schon so gesündigt habe, dass Gott ihm zürne, und er für diese Schuld jetzt büsse. Den Räubern ward von seiner Erzählung das Herz so gewaltig gerührt, dass sie über ihr bisheriges Leben erschraken, in sich gingen und mit herzlicher Reue ihre Buße begannen. Der Einsiedler, nachdem er die drei Sünder bekehrt hatte, legte sich wieder zum Schlafe unter die Treppe. Am Morgen aber fand man ihn tot,' und aus dem trocknen Holz, auf welchem sein Haupt lag' waren drei grüne Zweige hoch emporgewachsen. Also hatte ihn der Herr wieder in Gnaden zu sich aufgenommen.

  • Die Sterntaler!

    von den Gebrüder Grimm

    Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, daß es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr hatte, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte.
    Es war aber gut und fromm. Und weil es so von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus ins Feld.
    Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach: »Ach, gib mir etwas zu essen, ich bin so hungerig.« Es reichte ihm das ganze Stückchen Brot und sagte: »Gott segne dir's«, und ging weiter. Da kam ein Kind, das jammerte und sprach: »Es friert mich so an meinem Kopfe, schenk mir etwas, womit ich ihn bedecken kann.« Da tat es seine Mütze ab und gab sie ihm. Und als es noch eine Weile gegangen war, kam wieder ein Kind und hatte kein Leibchen an und fror: da gab es ihm seins; und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin. Endlich gelangte es in einen Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte: »Es ist dunkle Nacht, da sieht dich niemand, du kannst wohl dein Hemd weggeben«, und zog das Hemd ab und gab es auch noch hin.

    Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter blanke Taler; und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war vom allerfeinsten Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag.

    Mit diesem Märchen wünsche ich Euch einen geruhsamen 3. Adventssonntag,

    Eure Lilo

  • So war es damals!

    Liebe Blogfreunde,

    heute möchte ich Euch eine Geschichte aus meinem Leben erzählen.

    Wie Ihr an meinem Alter unschwer erkennen könnt wurde ich in eine Zeit hineingeboren in der es nicht viel gab.
    Es reichte kaum zum überleben. Luxus, wie wir ihn heute kennen, den gab es nicht.
    Die Lebensmittel wurden noch zugeteilt und oft wurde ich mit den Bezugsmarken zum Milch holen losgeschickt. Die Ausgabeleiterin gab Kindern stets einen kleinen Schluck extra.

    Es ging wieder auf die Weihnachtszeit zu und es stellte sich die Frage, wie kann man das Fest einigermaßen gestalten. Es galt uns Kindern in der schweren Zeit etwas Freude zu machen.
    Zum Glück hatten wir eine sehr gute Nachbarschaft und es wurde alles geteilt.
    Der eine hatte Eier, der andere etwas Zucker und der 3. hatte Fett und Mehl ergattert. Zusammen ergab es einen leckeren Kuchen.
    Die Feiertage verbrachten unsere Familien in einer Wohnung, denn auf diese Weise sparten wir auch noch die Kohlen. Außerdem haben die Kerzen auch sehr viel länger gereicht.
    Das war vielleicht ein wunderschönes Weihnachtsfest. Jeder bekam ein kleines Stückchen vom Kuchen. Ich habe in meinem Leben nie wieder so einen leckeren Kuchen gegessen.

    Als Weihnachtsgeschenk bekam ich damals ein paar Schuhe. Sie waren schon getragen, aber ich war so glücklich darüber und meine Mutter strahlte über das ganze Gesicht. Einige Jahre später erfuhr ich, dass sie ihre Lieblingsbluse gegen die Schuhe eingetauscht hatte.
    Die Schuhe waren mein ganzer Stolz, aber ich wuchs ziemlich rasch und bald passten sie mir nicht mehr. Kurzerhand hatte Oma die Spitze von den Schuhen abgeschnitten, somit bekamen meine großen Zehen Freigang und ich konnte sie noch sehr lange tragen.

    Not macht eben erfinderisch!

    Lieben Gruß,
    Eure Lilo.

  • Neues aus der Nachbarschaft!

    Meine liebes Frauchen – DU, die Mutter unseres Haushaltes!

    Die Kur hast du nötig und ich gönne sie dir von Herzen. Du bist dort sicher sehr beschäftigt, denn dein Brief an mich war recht kurz.

    Doch um deine Frage zu beantworten, mir geht es gut und ich schaffe den Haushalt ganz prima alleine. Nur einiges hättest du mir vor deiner Abreise schon erläutern können…

    Hier einige Beispiele:
    Wie lange muss ich die Eier kochen, sie sind nach 1 Stunde immer noch nicht weich?
    Warum sind meine Socken jetzt plötzlich zu klein und die restliche Wäsche so bunt? Die Hemden sehen richtig lustig aus, sie werden dir auch gefallen.
    Warum springt die Bratpfanne vom Herd, ich habe sie doch nur heiß gemacht, weil ich mir ein paar Bratkartoffeln machen wollte? Unsere Mieze war so erschrocken, dass sie gleich an der Küchengardine hoch ist – na war nicht so schlimm, sie sind beide unverletzt runter gekommen. Die Gardine werde ich bei der Gelegenheit gleich mit meinen nächsten Socken waschen.
    Ja und die Kaffeemaschine wollte mir einfach keinen Kaffee machen. Dabei hatte ich sie doch extra an die Wasserleitung angeschlossen, aber das hat ihr scheinbar nicht gefallen. Sie hat nur "puff" gemacht und dann war der Strom in der ganzen Wohnung weg. Leider hat die Stichflamme unseren Pitti erwischt, nun hat er keine Federn mehr.
    Der Toaster hat seinen Geist auch aufgegeben, dabei wollte ich doch nur ein kleines Tiefkühlgericht aufwärmen.

    Ich glaube die Küchengeräte sind nur an dich gewöhnt, sie mögen mich einfach nicht!

    Vorhin war ich kurz in der Bäckerei, irgendetwas muss ich ja essen, ich falle sonst vom Knochen und du erkennst mich bei deiner Rückkehr nicht wieder. Als ich vom Bäcker zurück kam stand die Wohnung unter Wasser. Dabei wollte ich doch nur die Blumen in der Badewanne wässern. Das tust du doch auch ab und zu. Auf dem Rückweg habe ich mich allerdings ein wenig mit Paul verplaudert, zugegeben so ein kleines Bierchen in Gesellschaft tat richtig gut. Nur Pech für die Krauses unter uns, das Wasser lief zu ihnen durch. Aber die sollen sich mal nicht so haben, die Wohnung hatte mal eine Grundreinigung nötig. Na und dann habe ich mir dein Grinsen vorgestellt, denn du kannst die Alte sowieso nicht leiden. Nur schlecht für uns, den Schaden müssen wir selber begleichen. Ich hatte die Haftpflichtversicherung gekündigt damit ich dir für deine Kur ein angemessenes Taschengeld mitgeben konnte.

    Ach, noch eine kleine Information für dich: Stell dir vor, mein Chef hat mich gestern gekündigt, nur weil ich jeden Morgen ein paar Minuten zu spät zur Arbeit gekommen bin. Du konntest mich ja nicht wecken, weil du nicht da bist.

    Aber mach dir keine Sorgen, wir werden nicht verhungern, bis ich eine neue Arbeit gefunden habe kannst du erst einmal arbeiten gehen. Diverse Putzstellen habe ich schon für dich gefunden.

    Meine Liebe, ich hoffe du freust dich wenn du endlich wieder nach Hause kommen darfst?

    In Liebe dein Männchen.

    Copyright - L. Wilde 10/2013

    Lieben Gruß,
    Eure Lilo

  • Das Totenhemdchen (nach den Gebr. Grimm) zum lesen und / oder hören

    Es hatte eine Mutter ein Büblein von sieben Jahren, das war so schön und lieblich, dass es niemand ansehen konnte, ohne mit ihm gut zu sein, und sie hatte es auch lieber als alles auf der Welt. Nun geschah es, dass es plötzlich krank ward, und der liebe Gott es zu sich nahm; darüber konnte sich die Mutter nicht trösten und weinte Tag und Nacht. Bald darauf aber, nachdem es begraben war, zeigte sich das Kind nachts an den Plätzen, wo es sonst im Leben gesessen und gespielt hatte; weinte die Mutter, so weinte es auch, und wenn der Morgen kam, war es verschwunden. Als aber die Mutter gar nicht aufhören wollte zu weinen, kam es in einer Nacht mit seinem weissen Totenhemdchen, in welchem es in den Sarg gelegt war, und mit dem Kränzchen auf dem Kopf, setzte sich zu ihren Füssen auf das Bett und sprach 'ach Mutter, höre doch auf zu weinen, sonst kann ich in meinem Sarge nicht einschlafen, denn mein Totenhemdchen wird nicht trocken von deinen Tränen, die alle darauf fallen.' Da erschrak die Mutter, als sie das hörte, und weinte nicht mehr. Und in der andern Nacht kam das Kindchen wieder, hielt in der Hand ein Lichtchen und sagte 'siehst du, nun ist mein Hemdchen bald trocken, und ich habe Ruhe in meinem Grab.' Da befahl die Mutter dem lieben Gott ihr Leid und ertrug es still und geduldig, und das Kind kam nicht wieder, sondern schlief in seinem unterirdischen Bettchen.

  • Der arme, reiche Mann

    Es war einmal ein alter Mann der zeitlebens ehrlich und tüchtig war, es aber nicht zu Wohlstand gebracht hatte. Seine Frau war gestorben, er lebte sehr bescheiden aber gab sogar noch anderen. Klopfte ein Bettler an seine Tür so bat er ihn gastfreundlich herein, teilte sein Essen mit ihm und wenn er mal ein Stück Fleisch hatte, so gab er das dem Bettler. Er dachte bei sich „du hast jeden Tag etwas auf dem Tisch, der arme Mann sicherlich nicht. Also soll er sich hier richtig satt essen“

    Selbst Brotkrümel warf er nicht fort sondern fütterte damit die Vögel. Er ging Sonntags zur Kirche und warf auch immer etwas in den Klingelbeutel. Aber der Mann grämte sich, weil er nicht mehr geben konnte. Oftmals haderte er mit seinem Schicksal und sprach im Stillen zu Gott „ich habe meinem König treu gedient, ich habe immer gearbeitet und war niemals verschwenderisch. Ist das der Lohn dafür, dass man jeden Pfennig dreimal umdrehen muss? Warum hast Du mich nicht Kaufmann werden lassen, wie den dicken Johann Kramer? Oder Apotheker wie den Jakob Unzling? Warum wurde ich nicht auf einem schönen Hof geboren wie der Bauer Hans Scheffel? Warum geht’s nicht ein klein bisserl gerechter auf der Welt zu?
    Eines Tages im Winter klopfte es bei ihm und ein zerlumpter steinalter Mann stand vor der Tür.

    Seine Kleider waren so abgetragen, dass sie kaum noch zusammen hielten und er selbst war sehr schwach. Der Mann holte den Bettler in sein Haus und richtete als erstes sein eigenes Bett, damit der Greis sich wärmen konnte und kochte eine Brotsuppe. Die war aber sehr dünn und konnte kaum die Lebensgeister wecken. Der Bettler fieberte und stöhnte, konnte kaum etwas essen. „Dem Mann muss geholfen werden sonst stirbt er“ dachte der Arme bei sich, legte noch etwas Holz ins Feuer und versprach dem Bettler bald zurück zu sein. Dann machte er sich auf den Weg zum Bauern Scheffel, klopfte an dessen Tür und bat um ein altes Huhn für eine kräftige Suppe. Nicht für sich selbst, betonte er und Bauer Scheffel fragte neugierig für wen es denn sein solle?! Der Mann erklärte es kurz und Bauer Scheffel schaute ihn verschlagen an: „so so, du willst den barmherzigen Samariter spielen, den der Pfarrer in der Predigt so oft erwähnt? Dann musst du auch die Kosten tragen! Überschreibe mir deinen kleinen Acker und du bekommst das Huhn!“ Der arme Mann stotterte „aber… ich habe doch nur dieses kleine Stückchen Land was du Acker nennst! Darauf baue ich Kartoffeln und Kohl für den Winter an – sofern ich Saatgut habe, damit ich im Winter etwas zu essen habe!“ „Ja und?“ fuhr ihn der Bauer an „umsonst ist nicht einmal der Tod!“ und wollte die Tür zuschlagen. Doch der Mann willigte ein und der reiche Bauer gab ihm ein altes, zähes Huhn „das lass nur recht lange kochen, da macht dich der Geruch schon satt“
    .
    Der Mann eilte nach Hause und setzte einen großen Topf mit Wasser über dem Feuer auf in den er das Huhn gab. Er ging zum Bettler und erschrak weil dieser wie das Feuer selbst im Fieber glühte. Er machte sich erneut auf den Weg, diesmal zum Apotheker. Unwillig über die späte Störung öffnete dieser die Tür „was willst du?“ fragte er als er den Mann erkannte. „Ich brauche Medizin gegen Fieber, ganz dringend“ „Wozu? Du scheinst kein Fieber zu haben?!“ lachte der Apotheker. „Nein, ich nicht! Aber ein Bettler stand vor meiner Tür und der leidet Fieberqualen!“ erwiderte der Mann „Ach so, du willst den barmherzigen Samariter spielen, den der Pfarrer in der Predigt so oft erwähnt? Die Medizin kostet aber!“ „Ich habe doch nichts! So gebt mir doch um der Barmherzigkeit Willen etwas von der Medizin!“ „Barmherzigkeit? Davon kann ich nicht leben, aber du hast zwei Goldringlein an deiner Hand, gib mir einen davon und du bekommst was du brauchst“ Der Mann erschrak – die Ringe waren die Eheringe von ihm und seiner verstorbenen Frau. Er dachte bei sich: gib ihm deinen Ring, den Ring deiner Frau behältst du zum Andenken an sie. Und so willigte er ein. Der Apotheker gab ihm ein kleines Tütchen mit Kräutern aus dem er einen Sud kochen und heiß verabreichen sollte.

    Er eilte nach Hause, bereitete den Tee und flößte ihm dem Greis ein. Beruhigt sah er, dass der Alte ruhiger atmete und nach einiger Zeit das Fieber tatsächlich sank. Nun legte er sich selbst auf den Boden vor dem Feuer und schlief sofort ein. Ihm träumte dass er auf einer große Wiese ging, so groß dass man weder Anfang noch Ende sehen konnte. Kristallklare Bäche plätscherten sacht, überall wuchsen Obstbäume mit den herrlichsten Früchten und Vögel zwitscherten. Und noch etwas war zu hören, eine wundersame Melodie die sich in die Seele grub und alle Sehnsucht stillte.

    Am Morgen ging es dem Bettler sehr viel besser und dankbar schlürfte er die heiße Hühnerbrühe, die der Mann ihm gänzlich überließ während er selbst nur trockenes Brot aß. Er sprach zu dem Alten : “bleib nur noch hier bis du wieder gesund bist, es wird wieder kälter und hier ist es warm. Gehst du jetzt fort wirst du wieder richtig krank.“ Der Bettler blickte ihn dankbar an und sank wieder aufs Bett, denn er war noch recht geschwächt. Der Mann überlegte, dass der Alte in dem Zeug schneller den Tod finden würde als er sich umdrehen kann. Da er selbst nur das hatte, was er am Leibe trug, machte er sich wieder auf den Weg, diesmal zum Kaufmann Kramer. Er betrat das Kontor und wartete, bis der Kaufmann ihn ansprach. „Nun? Was möchtest du?“ „Ich komme nicht meinetwegen, es ist so dass ich Sie um einen einfachen Mantel bitten möchte – und vielleicht um ein Paar Schuhe. Gebraucht natürlich!“ Denn der Kramer-Kaufmann nahm auch getragene Kleidung in günstige Zahlung, die er hin und wieder ‚der Kirche‘ für Bedürftige spendete, natürlich nicht ohne sich deswegen vom Pfarrer von der Kanzel herab loben zu lassen. „Ich denke, ich spende genug?!“ sprach der Kaufmann „ aber ich sehe du willst den barmherzigen Samariter spielen, den der Pfarrer in der Predigt so oft erwähnt? Wenn das so ist, musst du auch selbst dafür aufkommen, hier hätte ich einen groben Leinenstoff, daraus kannst du einen schönen Mantel nähen und hier, ein Paar Schuhe, die Löcher in der Sohle musst du selbst dichten. Dafür gibst du mir den kleinen schmalen Ring den du trägst“

    Der Mann war den Tränen nahe, das einzige was ihn an seine Frau erinnerte – aber zuletzt dachte er „meine Frau sitzt in meinem Herzen, ich werde mich auch ohne Ringlein immer an sie erinnern. Aber der Alte zuhause würde den Winter nicht überleben.“ Und so willigte er ein. Weil er aber kein Nähzeug hatte, ging er zum Pfarrhaus und erbat sich dort von der Pfarrköchin etwas Garn und eine Nadel. Sie bot ihm sogar an, den Mantel für ihn zu nähen – als der Pfarrer hinzu trat. „Ich habe gehört du willst den barmherzigen Samariter spielen, den ich in der Predigt so oft erwähnt habe? Und dafür meine Köchin von ihrer gottgefälligen Arbeit abhalten? Nun, um der Nächstenliebe willen soll sie dir von IHREM Garn und eine IHRER Nadeln abgeben. Und sie kann dir auch den Mantel zuschneiden – nähen musst du ihn aber selbst. Doch das ist nicht ganz umsonst, was kannst du geben?“ Der Mann überlegte kurz und bot an: „ich werde im Sommer das feinste Bienenwachs sammeln und daraus duftende Kerzen für die Kirche gießen, die könnt ihr dann segnen und für den Altar nutzen“ „Unsere Kerzen für die Kirche müssen schön, weiß und gerade sein. Und solche Kerzen bekomme ich nur vom Bischof der sie auch segnet. Was also soll ich mit deinen krummen Kerzen? Meinst du, ich kann sie dem Bischof zum segnen vorlegen? Das käme Blasphemie gleich!“ Sprachs und schlug dem Manne die Tür vor der Nase zu.


    Dieser wandte sich traurig ab, aber die Köchin schlich sich durch den Garten, schnitt ihm den Mantel zu und gab ihm Garn und Nadel, sagte ihm wie er die Arbeit am besten schaffte und schlich zurück ins Haus. Der Mann eilte nach Hause und zeigte dem Greis seine Schätze. Dieser lächelte mild und sprach: „du erinnerst mich an den barmherzigen Samariter“ und schlief wieder ein. Der Mann setzte sich an seinen Tisch und nähte den Mantel zusammen, er fand auch noch ein paar Lederreste mit denen er die Schuhsolen reparierte. Abends aßen die beiden zusammen den Rest Brühe mit Brotbröckchen drin und beide waren satt und es schmeckte ihnen sehr. In der Nacht hatte der Mann einen schlimmen Traum. Er träumte von einem tief in der Erde befindlichen Gewölbe. Alles war schwarz aber überall brannten Feuer. Sie erinnerten ihn an das, was der Pfarrer über das Fegefeuer gepredigt hatte und er hörte im Traum lautes Wehklagen und schreien, durchsichtige Arme griffen aus den Feuern ins Leere und selbst im Traum grauste es dem Manne.


    Ängstlich wachte er auf und glaubte seinen Augen nicht zu trauen: auf dem Strohlager auf dem er den Bettler wähnte, saß ein wunderschöner Engel, ganz umgeben von weißem und goldenem Licht. Er lächelte und sprach zu dem Mann: „deine Träume haben dir die Gerechtigkeit gezeigt. Manchmal gefällt es Gott unserem Herrn Gerechtigkeit während des Erdendaseins walten zu lassen. Aber die wahre Gerechtigkeit erfährt man erst nach der Bewährungszeit auf der Welt. Deine Träume haben dir gezeigt wie gerecht es im Reich Gottes vor sich geht. DU wirst in den Paradiesgarten kommen und das Wehklagen welches du heute Nacht im Traum gehört hast, war das Wehklagen des Scheffel, des Kramer, des Unzling und des Pfarrers!


    Nachdem er dies gesprochen hatte, erhob sich der Engel, verabschiedete sich herzlich dankend für die Gastfreundschaft – und war verschwunden. Der Mann saß noch immer wie betäubt auf dem Boden und dachte über das nach was ihm gerade wiederfahren war als er eine liebe und vertraute Stimme hörte die ihn rief. Er lauschte und erkannte die Stimme seiner Frau. Glücklich sank er wieder nieder, schloss die Augen um diesen Traum fest zu halten. Und seine Frau kam, wunderschön wie bei ihrer beiden Vermählung, reichte ihm die Hand und nahm ihn mit sich fort in den Paradiesgarten Gottes.
    © by Eulencamperin

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